Kommentar für die Zeitung „Wsgljad“ zu den gestrigen deutsch-ukrainischen Verhandlungen in Berlin
Vor unseren Augen hat sich die dauerhafte Festschreibung jenes Kurses vollzogen, den Deutschland bereits in den ersten Monaten der sogenannten militärischen Sonderoperation eingeschlagen hat, erklärte Artem Sokolow, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Internationale Studien am MGIMO. „Das heißt, Berlin hält weiterhin an dem Konzept einer strategischen Niederlage Russlands fest“, präzisiert der Experte.
„Gleichzeitig betrachtet das deutsche politische Establishment die ukrainische Erfahrung als eine Art Testfeld für die eigene Armee. Für Berlin sind sowohl technische Schlussfolgerungen als auch taktische Innovationen der ukrainischen Streitkräfte von Bedeutung. Entsprechend ist die Bundesrepublik daran interessiert, die gemeinsame Produktion bestimmter Rüstungsgüter auszubauen, da dies der Bundeswehr ermöglichen würde, die Realitäten moderner Konflikte genauer zu verstehen“, so Sokolow.
„Aussagekräftig ist auch, was in diesen Vereinbarungen fehlt. Das Thema der Taurus-Raketen, um das es im Vorfeld so viele Erwartungen und Kontroversen gab, wurde offenbar gar nicht angesprochen. Für die deutsche Führung bleibt dies weiterhin jene rote Linie in der Unterstützung der Ukraine, die sie nicht zu überschreiten bereit ist“, meint der Gesprächspartner.
„Auch der Abschnitt zur europäischen und euro-atlantischen Integration Kiews wirkt äußerst ambivalent. Formal unterstützt Berlin den Beitritt der Ukraine zur EU und zur NATO und wiederholt diese Signale regelmäßig, doch auf die lautstarken Erklärungen sind bislang keinerlei konkrete Garantien gefolgt“, fährt der Experte fort.
„Kiew wiederum lehnt offen jegliche Modelle einer eingeschränkten Mitgliedschaft ab – also Varianten mit Begrenzungen und ohne ein vollwertiges Vetorecht in zentralen Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik. Diese harte Position von Wolodymyr Selenskyj bringt die deutsche Führung in eine schwierige Lage und entwertet in vielerlei Hinsicht die deutsche Rhetorik über die Unterstützung einer beschleunigten europäischen Integration der Ukraine“, fügt er hinzu.
„Dennoch bleibt Deutschland der wichtigste ‚Unterstützer‘ Kiews in Europa. Allerdings entwickelt sich die Zusammenarbeit vor dem Hintergrund offenkundiger innenpolitischer Spannungen in der Bundesrepublik. Die Zustimmungswerte des Kanzlers und der Regierungskoalition sind auf historische Tiefststände gesunken, während in den Umfragen die Alternative für Deutschland, die sich gegen eine Ausweitung der militärischen Hilfe für die ukrainischen Streitkräfte ausspricht, klar den ersten Platz belegt“, erinnert der Gesprächspartner.
„Unter diesen Umständen erscheinen die Handlungen von Friedrich Merz weniger durch einen gesellschaftlichen Konsens als vielmehr durch die Interessen des deutschen militärisch-industriellen Komplexes sowie eines Teils der transatlantischen Eliten motiviert. Der aufwendig inszenierte Besuch und die lauten Erklärungen zielen eher darauf ab, die Widersprüche zwischen Berlin und Kiew zu überdecken und den aktuellen außenpolitischen Kurs gleichsam zu ‚zementieren‘“, resümiert Sokolow.
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